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Gravitation

Die Gravitation ist nicht mein Freund. Und auch noch nie gewesen. Zumindest empfand ich es immer so.

Während andere leichtfüßig über Hürden sprangen, Hebefiguren beim Tanzen machten, oder sich im Alltag bewegten, als gingen sie auf Luft, hatte mich die Schwerkraft immer gut im Griff. Als ich anfing zu laufen, frustrierten mich die hüpfenden, beschwingten Joggerinnen und Jogger, die mich rechts liegen ließen und scheinbar nur mit einem Bruchteil der Gravitation auskommen mussten, die mich quälte. Damals(TM) entdeckte ich darüber hinaus, wie launisch das Miststück war. Hatte ich mir im Physikunterricht erzählen lassen, dass die Erdanziehungskraft stets gleich war (außer in der Nähe des Äquators, aber wer reist schon zum Joggen jedes Mal dahin?), erfuhr ich jetzt, dass das für mich nicht galt. An manchen Tagen schien mich die Gravitation nicht ganz so stark nach unten zu ziehen, dann wieder beschwerte sie meine Füße als griffe sie mit bleiernen Händen nach ihnen.

Leicht und schwerelos fühlte ich mich eigentlich nie. Nicht einmal übermäßig alkoholisiert nach dem Klettern auf den Gasturm, der … lassen wir das.

Die Gravitation ist aber nicht nur von eher schwankendem Wohlwollen bezüglich meiner sportlichen Ambitionen. Es gibt Tage, an denen scheine ich auch im normalen Alltag der Erde ein Stück näher zu sein. Dann hängen die Schultern, und die Schritte schlurfen über den Boden als hätte ich der Erdanziehung kaum etwas entgegen zu setzen. Unerwartete, traurige Nachrichten lösen einen solchen Kampf mit der Gravitation aus. Wie vor einigen Tagen.

Da erfuhr ich durch einen Freund, zu dem ich den Kontakt einige Jahre verloren hatte, dass einer meiner Lieblingsprofessoren letztes Jahr viel zu jung gestorben ist. An Krebs, natürlich, diesem ultimativen Arschloch. Sofort nahm die Erdanziehungskraft merkbar zu. Ich fühlte mich beinahe unwiderstehlich an den Boden gezogen. Und weil mir nichts anderes einfiel, gab ich dem nach.

Da lag ich nun am Boden und dachte an meinen Professor.  Wir kannten uns von der Arbeit in der Fachschaft, die er intensiv und engagiert unterstützt hatte. Er war unkonventionell, sympathisch unangepasst, etwas schräg. Mit diebischer Freude wischte er manchmal einem anderen Professor eins aus – respektvoll, aber auch verspielt. Es machte ihm Freude, nicht ganz so zu sein wie die anderen. Ich mochte ihn. Er mochte mich, glaube ich. Als ich meine Magisterarbeit schrieb, fragte ich ihn, ob er mein Zweitkorrektor sein wolle. Vermutlich wäre ohne ihn aus meiner eng gesteckten Deadline nichts geworden. Er war es, der meinem Erstkorrektor (und späterem Doktorvater) auf die Füße trat, als die Geburt meiner Tochter näher rückte und ich wegen meines Abschlusses nervös wurde. Im Spätsommer diesen Jahres wollte ich auf eine Konferenz in meine alte Universitätsstadt. Ich hatte fest mit einem Wiedersehen gerechnet. Das erste nach etwa acht Jahren. Es sollte wohl nicht sein.

Ich dachte an die dämliche Erdanziehung und fragte mich, ob sie wohl sanft zu ihm war. Wie viele Tage zog die Gravitation ihn Richtung Boden, und er stand dennoch auf? Hat sie ihm zugeflüstert? Wie oft hat er widerstehen können? Wie lange musste er letztlich liegen und warten und fühlen, wie er immer schwerer zu werden schien, obwohl er doch leichter wurde, durch die Krankheit und die Chemo? Ich weiß es nicht.

Und dann dachte ich an die letzten zwei Jahre, unsere Läufe beim NCT. Die Gesichter der vielen Menschen, die sich ihrer eigenen, privaten, launischen, tyrannischen Schwerkraft stellen. Menschen, die das Jahr zuvor keinen Schritt hätten mitlaufen können. Oder Menschen, die für jemand anderen laufen, der das selbst nicht mehr kann, weil dessen Gravitation längst zu stark geworden ist.

2014 lief ich für Heike, die damals mitten in der Chemo steckte. 2015 liefen wir mit Heike, und ich für meinen Schwager, der gerade die dritte Chemo hinter sich hatte. 2016 werde ich der Gravitation in den Hintern treten und an meinen Professor denken – der NCT-Lauf wird zwei Tage vor seinem ersten Todestag stattfinden.
Herr Professor Möbus, wo auch immer Sie jetzt sind: Ich hoffe, dass eine freundliche Gravitation Ihnen hin und wieder das Fliegen ermöglicht. Haben Sie Dank für alles. Ich wünschte, ich hätte Ihnen das noch einmal persönlich sagen können.

Die Gravitation ist nicht mein Freund. In den letzten Monaten fiel an manchen Tagen jeder einzelne Schritt unglaublich schwer. Aber seit kurzem gibt es kleine, klitzekleine Momente, da laufe selbst ich, als würde ich mich auf Luft bewegen.

 

(Beitragsbild: Ich, viel jünger, im Kampf gegen die Gravitation)

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