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Eine Mutmaßung über das Mutmachen

How Love Could Be

Es war auf der re:publica im vergangenen Jahr, als ich zum ersten Mal auf das Hashtag #schnipsflausch stieß. Alle naselang fotografierten sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst und adressierten Grüße an eine mir bis dahin noch vollkommen unbekannte Heike Schmidt.

Als alter Hashtag-Fuchs machte ich mich schlau und stieß dabei auf die Geschichte hinter dem Hashtag. Wenige Monate vorher war ich selbst zum zweiten Mal Vater geworden, sicher ein Grund, warum mich Heikes Schicksal besonders berührte. Es ging mir nahe, in der Erwartung und Vorfreude auf ein neues Menschenleben mit einer solchen Diagnose konfrontiert zu sein.

Ich bewunderte, wie offen Heike mit ihren Ängsten, mit ihren Fragen, mit ihrer Wut und auch mit ihrer Hoffnung und Zuversicht umging. „Was für eine mutige Frau“, der Gedanke ging mir wieder und wieder durch den Kopf. Als alter Haderer und Zauderer fragte ich mich immer wieder, wie ich mich selbst wohl in ihrer Lage verhalten würde. Würde ich den Mut aufbringen, öffentlich zu sagen, wenn mir selbst eine solche Diagnose gestellt würde? Würde ich so offen mit meinen Ängsten und Nöten umgehen?

Es beeindruckte mich, mit welcher Herzenswärme und mit welchem Zuspruch Heike von den Menschen im Netz bedacht wurde. Ich spürte, dass selbst sich bis dato fremde Menschen einander tragen und Mut machen konnten. Abseits aller digitalen Empörungswellen und Shit-Storms entstand hier etwas Gutes, etwas Heilsames.

Die Sache mit dem Mut

Es war der 22. Mai 2014 an dem ich versuchte, in meinem Blog meine Gedanken zusammen zu fassen und zu ordnen. Was macht mir selbst Mut, wie kann ich anderen Mut zusprechen, wie ermutigen andere Menschen sich selbst oder andere? Ich rief zu einer Mutmachparade auf, deren Resonanz mich am Ende überwältigte. Mehr als 50 Bloggerinnen und Blogger haben sich beteiligt, haben geschildert, welche Bedeutung Mut in ihrem Leben hat.

Bewegende und inspirierende Texte, viele davon echte Perlen. Auch Heike selbst hat sich mit einem berührenden Beitrag beteiligt, in dem sie für sich selber festhielt, dass es gar nicht Mut ist, der sie antreibt sondern das Gefühl, ihr Handeln sei alternativlos. Ich bin mit jedem Post von Heike mehr beeindruckt, mehr berührt. Immer wieder erden mich ihre Beiträge, wenn ich mich mal wieder im Ärger und Kummer um die eigenen Belanglosigkeiten zu verlieren drohe. Ich fühle mich ihr nahe und versuche, wie viele andere auch, irgendwie für sie da zu sein, ihr Mut zuzusprechen, sie virtuell zu umarmen, ihr zu zeigen, dass sie in der krankheitsbedingten Isolation nicht alleine ist. „Alleinsam“ ist der Kunstbegriff, der mir einfällt, wenn ich an die Situation zurückdenke. Sie darf nicht unter Menschen, aber sie ist nicht allein. Ihr #Teamschnipsflausch ist irgendwie immer da. Zu den unmöglichsten Zeiten, mit den unmöglichsten Dingen. Und so ist es ganz wunderbar, dass sich – initiiert von Jana – zum NCT Spendenlauf in Heidelberg Menschen auf einmal ganz real zusammenfinden, um ein Zeichen zu setzen. Für Heike, gegen die Krankheit, für die Forschung, für die Gemeinschaft …

Heute freue ich mich, dass ihr für sie selbst so alternativloser Mut belohnt wurde. Mit einer gesunden Tochter und mit einem hoffentlich auch dauerhaft krebsfreien Leben. Es ist eines dieser großen Wunder, auf die man immer hofft, für die man sogar wieder zu beten anfängt, weil einem jede Macht willkommen ist, wenn sie nur wahr werden. Es ist eine Geschichte vom Zutrauen und Vertrauen. In sich selbst, in die Zukunft, in die Gemeinschaft, die einen trägt.

Glück auf, liebe Heike. Sei herzlichst geschnipsflauscht.

 

Die schönsten Mutmaßungen aus der Mutmachparade

 

HeikeMut ist, finde ich, wenn man auch weglaufen könnte.

Anna Luz: Wir sind in die Welt gestellt, um zu leben.

WolfgangVielleicht ist es mutig, der Sehnsucht und dem eigenen Zutrauen nachzugeben. Aber der Lohn ist ein Leben, das sich nicht so anfühlt, als würde ich etwas verpassen. Und das nicht wartet.

LiisaAnfangen und den ersten Schritt tun, die erste Aktion wagen und dann mit dem nächsten Schritt weitermachen. Mut ist nicht fertig. Mut wird und wächst mit jedem kleinen Schritt.

Nadine: Mut ist neu sein. Mut ist aber auch: neu sein wollen.

Wibke: Ich wünsche mir eine Welt, in der Menschen Mut fassen, weil sie hoffen und vertrauen können. Es wäre eine bessere Welt. 

Uwe: Viel zu lange hat man uns den Mut geraubt. Wir sollten ihn uns dringend zurückholen!

 

 

 

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Pottpflanze, Familienmensch, Sozialromantiker, Hobbyradler, Ökobanker und Jazzfanatiker. Ansonsten aber ganz umgänglich.

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